Die 17. Histori sagt,
wie Ulenspiegel alle Kranken in einem Spital uff einen Tag ohn Arznei gesund macht

Uff ein Zeit kam Ulenspiegel gen Nürnberg und schlug groß Brief an die Kirchtüren und an das Rathus und gab sich us für ein guten Arzet zu aller Krankheit. Und da war eine große Zahl kranker Menschen in dem nüwen Spital daselbst, da das hochwirdig heilig Speer Christi mit anderen merklichen Stücken rasten ist. Und derselben kranken Menschen, der wär der Spittelmeister einsteils gern ledig gewesen und hätt ihn Gesundheit wohl gegunnt. Also ging er hin zu Ulenspiegel, dem Arzet, und fragt ihn nach Laut seiner Brief, die er angeschlagen hätt, ob er den Kranken also helfen kunnt, es sollt ihm wohl gelohnt werden. Ulenspiegel, der sprach, er wollt ihm seiner Kranken viel gerad machen, wann er wollt zweihundert Gulden anlegen und ihm die zusagen wollt. Der Spittelmeister sagt ihm das Geld zu, soferr er den Kranken hülf. Also verwilliget sich Ulenspiegel, wa er die Kranken nit grad macht, so sollt er ihm nit ein Pfennig geben. Das gefiel dem Spittelmeister wohl und gab ihm 20 Gulden daruff. Also ging Ulenspiegel in Spital und nahm zween Knecht mit ihm und fragt die Kranken, ein jedlichen, was ihm gebrest, und zuletsch, wann er von eim Kranken ging, so beschwur er ihn und sprach: „Was ich dir offenbaren wurd, das sollt du bei dir heimlich bleiben lassen und nieman offenbaren.“ Das sagten dann die Siechen Ulenspiegel bei großem Glauben zu. Darauff sagt er dann eim jedlichen bsunder: „Soll ich nun uch Kranken zu Gesundheit helfen und uff die Füß bringen, das ist mir unmöglich, ich verbrenn dann euer einen zu Pulver und gib das den andern in den Leib ze trinken, das muß ich tun. Darum, welcher der kränkst unter euch allen ist und nit gohn mag, den will ich zu Pulver verbrennen, uff daß ich den andern helfen mög damit, euch alle uff ze bringen. So würde ich den Spitalmeister nehmen und in der Tür des Spitals stohn und mit luter Stimme rüfen, welcher da nit krank ist, der kumm herus, das verschlaf du nit.“ So sprach er zu jeglichen allein, „dann der letzt muß die Ürten bezahlen.“ Solcher Sag nahm jeglicher acht, und uff den gemeldten Tag ilten sie sich mit Krucken und lahmen Beinen, als keiner der letzt wollt sein. Da nun Ulenspiegel nach seinem Anlaß rufte, da begunnten sie von Statt laufen, etlich, die in 10 Jahren nit von Bett kummen warn. Und da der Spital nun ganz leer war, da begehrte er seines Lohns von dem Spittelmeister und sagt, er müßt an ein ander End ilens, da gab er ihm das Geld zu großem Dank. Da reit er hinweg. Aber in drei Tagen, da kamen die Kranken all herwieder und beklagten sich ihrer Krankheit. Da fragt der Spittelmeister: „Wie gaht das zu, ich hätt ihn doch den großen Meister zubracht, der ihn doch geholfen hätt, daß sie all selber davon- gegangen waren.“ Da sagten sie dem Spitalmeister, wie daß er ihn gedroht hätt: Welcher der letzte wär zu der Tür hinus, wenn er derzeit ruft, den wollt er verbrennen zu Pulver. Da merkte der Spittelmeister, daß es Ulenspiegels Betrug ware. Aber er war hinweg, und er kunnt ihm nüt angewinnen. Also blieben die Kranken wieder im Spital wie vor, und war das Geld verlorn.

Nächste (21.) Histori / Vorige (12.) Histori / Übersicht / Homepage Heiner Fischle

Protest ins Gästebuch eintragen