Die 88. Histori sagt,
wie ein Buer Ulenspiegel auf ein Karren setzt, der Flumen gen Lübeck uff den Markt fuhren wollt, die er bescheiß

Uff ein Zeit hielten die durchlüchtigen und hochgebornen Fürsten von Brunschwick ein Rennen und Stechen und Tornieren mit viel fremden Fürsten und Herren, Ritter und Knechten in der Stadt zu Einbeck, und mit ihren Hintersassen. Nun war es in dem Summer, daß die Pflomen und ander Obst zeitig waren. Da war zu Oldenburg bei Einbeck ein frummer, einfältiger Buersmann, der hätt ein Garten mit Pflumenbeimen, der ließ brechen ein Karch voll Pflumen und wollt damit gen Einbeck fahren, als dann da viel Volks war, und meint, deren da baß abzukummen dann zu andern Zeiten. Als er nun für die Stadt kam, da lag Ulenspiegel unter einem grünen Baum in dem Schatten und hätt sich in der Herren Höf ubertrunken, daß er weder essen noch trinken möcht und einem toten Menschen gleicher dann einem lebendigen war. Als nun der frumm Mann bei ihm harfuhr, da sprach Ulenspiegel den Mann an, ganz kranklich, als er kunnt, und sprach: „Ach, gut Fründ, sieh, hie bin ich so krank drei Tag und Nacht ohn aller Menschen Hilf hie gelegen, und wa ich noch einen Tag also liegen soll, so möcht ich wohl Hunger und Durst sterben, darum führ mich um Gotts willen für die Stadt.“ Der gut Mann sprach: „Ach, gut Fründ, ich wollt das gern tun, aber ich hab Pflumen uff dem Karch, so ich dich daruff setzt, so machest du mir die alle zuschanden.“ Ulenspiegel sagt: „Nimm mich mit, ich will mich wohl vorn an uff dem Karch behelfen.“ Der Mann war alt, der tät seim Leib und Leben weh, ehe er den Schalk (der sich uff das schwerst macht) uff den Karren bracht, und fuhr da um des Kranken willen desto gemacher. Da nun Ulenspiegel ein Weil gefahren war, zog er das Strah von den Pflumen und stigt hinter seinem Rücken heimlich uff und bescheiß dem armen Mann sein Pflumen und zog das Stroh wieder darüber. Als nun der Buer in die Stadt kam, da ruft Ulenspiegel: „Halt, halt, hilf mir von dem Karch, ich will hie außen vor dem Tor bleiben.“ Der gut Mann half dem argen Schalk von dem Karch und fuhr sein Straß den nächsten Weg zu dem Markt. Da er darauff kam, spannt er sein Pferd us und reit das in die Herberg. Indem kamen viel Burger zu dem Markt. Unter ihnen war einer, der allzeit der erst war, wann da hin etwas zu Markt kam, und doch selten etwas kauft. Der kam auch dazu und zog das Stroh bei halber herab und bescheiß die Händ. Indem kam der Mann wieder us seiner Herberg. Ulenspiegel hätt sich verkleidet und kam auch ein ander Weg har gohn und sagt zu dem Buern: „Was hast du zu Markt bracht?“ - „Pflumen“, sagt der Buer. Ulenspiegel sagt: „Du hast bracht als ein Schalk, die Pflumen sind beschissen, man sollt dir das Land mit den Pflumen verbieten.“ Der lugt darnach und sah, daß es also war, und sprach: „Vor der Stadt lag ein krank Mensch, der sah gleich, als der, der hie staht, dann daß er ander Kleider anhätt, den fuhrt ich um Gotts willen für das Tor, derselb Schalk hat mir den Schaden geton.“ Ulenspiegel sagt: „Der Schalk wär wohl Schlahens wert.“ Also müßt der frumm Mann die Pflumen hinwegführen uff die Schelmengrub und dorft sie nirgen verkaufen.

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